Ich befinde mich nicht mehr auf dem Camino. Ich bin in Sotés, laut Ortsschild leben hier 321 Menschen. Eine davon hat mich heute gerettet. Ich liege in Stephanies Bett und habe eine Maske im Gesicht. Ich rieche Chemie, „all the way from Korea“, sagt Jae, der sich ebenfalls eine Gesichtsmaske auf die rote Haut legt. Die Waschmaschine klimpert, Stephanies Terrier bellt, von der Terrasse sehe ich die Berge und sämtliche Weinreben. Ich hatte nicht geplant hierher zu kommen. Eigentlich wollte ich nur bis Navarette laufen. Ich hatte dort schon ein Bett reserviert, habe mich aber so unwohl gefühlt, dass ich weitergelaufen bin. Shelly schreibt, dass in Ventosa alle Herbergen voll sind. Bis zum nächsten Ort sind es 10 Kilometer. Alles passiert für einen Grund, denke ich. Und bin froh, dass mein Spanisch gut genug ist, um zu sagen, dass ich verloren bin. 

Jae und ich schleppen uns mit unseren letzten Kräften den steilen Berg hinauf in den kleinen Ort. Google Maps zeigt eine Herberge an, unsere letzte Chance, wenn wir nicht noch zehn Kilometer laufen wollen. Es ist 14 Uhr, es weht kein Wind, ich schwitze so sehr, es fühlt sich an, als würde ich mit meinem Schweiß duschen. Ich habe zu wenig getrunken, weil ich den spanischen Brunnen am Wegesrand noch nicht traue, mein Hypochonder-Ich dehydriert lieber, als sich eine Wasservergiftung einzubilden. Jae war beim koreanischen Militär. Wir haben uns gestern kennengelernt und in Logroño wiedergetroffen. Wir sind jetzt Leidensgenossen, ohne Bett. Er spürt, dass ich kurz davor bin in Tränen auszubrechen, die Erschöpfung legt sich um mich wie ein Schleier. Er erzählt mir von seiner Zeit beim Militär, er lebt jetzt in Canada, ich lerne viel über die koreanische Kultur. „Here“, stöhnt er, als wir vor Hausnummer 25 stehen. Cerrado. Geschlossen. Wir sind kilometerweit vom Camino entfernt und die einzige Herberge existiert scheinbar schon seit Jahren nicht mehr. Mir ist schlecht. Wäre ich mal in Navarette geblieben, fluche ich und komme mir dabei ziemlich deutsch vor. Ein Mann mit Zahnlücke nuschelt etwas auf Spanisch. Ich verstehe nur „no camino“. Ich nicke, meine Füße können mich nicht mehr tragen. Wir laufen die Straße entlang, versuchen im Schatten zu bleiben, kein Supermarkt, ein blankes Nichts. Ich entdecke eine Bar, stürze hinein, die Menschen davor lächeln, Pilger scheinen sie hier nicht so oft zu sehen. Ich schäme mich, in meinem Sport-Outfit, mit fettigen Haaren und den albernen Laufstöcken, die ich mir heute gekauft habe, nach einem Bett zu fragen. Der Mann an der Bar will mich nach Ventosa schicken. Completa, sage ich. Es riecht nach schalem Bier und abgestandenem Zigarettenrauch. Die Männer am Tresen scharen sich um mich, ich kann mich schlecht ausdrücken, alle versuchen zu helfen. Handys werden gezückt, laute Wortfetzen fliegen durch die Bar, ich verstehe nichts, ein paar Minuten später kommt Stephanie rein und nimmt uns mit. Stephanie ist wunderschön und sehr jung. „Come“, sagt sie und öffnet die Tür von ihrem weißen Peugot. Wir fahren Auto. Und ich weiß nicht wohin. Stephanie öffnet die Fenster, der Fahrtwind streift mir durchs Gesicht und ich frage mich, wie es möglich ist, dass sich alles so fügt. Oma würde ein Stoßgebet in den Himmel schicken, ich danke dem Universum. Stephanie hält vor einem Einfamilienhaus. „We had an albergue once, but then the route of the camino was changed“, sagt sie. Sie lacht, ich bin überwältigt von ihrer Freundlichkeit und dem Haus, in dem wir bleiben dürfen. Eine ältere Frau aus Frankreich sitzt im Garten und winkt, es fühlt sich an wie nach Hause kommen. Stephanies Mama winkt vom Balkon. Ob wir zu Abend essen wollen. Im Kühlschrank steht Wein aus der Region, die Betten sind mit bunter Blumrnbettwäsche bezogen, es gibt eine Waschmaschine. Danke Intuition, sage ich, als mir das kalte Wasser über den Körper strömt. Ich kann mich selbst endlich wieder fühlen.

“Au“, sage ich und beiße meine Zähne aufeinander. Marcelino träufelt eine Heilkräuter-Mischung über mein Knie und massiert die geschwollenen Stellen. “You need rest”, sagt der Mann mit den weißen langen Haaren und schaut mich behutsam an. Jeder hier hat Knieschmerzen, denke ich. Wir unterhalten uns auf Spanisch. Marcelino hat eine kleine Holzhütte mitten im Nirgendwo. Er verkauft Obst und Nüsse und Pilgermuscheln. Und Wanderstöcke. Ich suche verzweifelt seit Tagen. In Logroño hätte ich welche für 90 Euro haben können. Marcelino will 14. Mein Knie und ich sind ihm so dankbar. Er umarmt mich. Der Camino sei hart, so wie das Leben. Er klopft mir auf die Schulter und ich glaube das er sagt, dass er für mich betet. 

Jae lacht mich aus und filmt. Ich falle über die Stöcke und habe eine Schürfwunde am Knie. Es ist nicht leicht, es ist verdammt schwer, ich hätte vielleicht mal wandern gehen sollen, vor all dem. Ich fühle mich wie eine Hobby-Kletterin, die beschlossen hat den Mount Everest zu besteigen. Barfuß. Ich stolpere schon wieder über die Stöcke. In dem Maschendrahtzaun der uns von der Autobahn trennt hängen Kreuze und ein Fetzen Papier. „No Pain no gain“, steht darauf. Oh yes, denke ich und streichele mein Knie behutsam. 

1 Kommentar

Verschachtelt

  • Lucca  
    Es ist so erfüllend deine Reise in Gedanken mitzuerleben, bei jedem Eintrag aufs Neue. Ich denk an dich!!

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