Ich verstehe nicht, was mir der Mann auf dem Stockbett neben mir sagen möchte. Er lächelt so nett, scheint aber auf eine Antwort zu warten. Ich lächele zurück, weil ich sein Catalán nicht verstehe. Der Mann unter mir schnarcht. Ich bin in Villamayor de Monjardín. Hier gibt es nichts, außer einem Briefkasten und das Kloster, in dem ich mich gerade befinde. Ich bin langsam. Ich habe heute schon wieder nur 11 Kilometer geschafft und das nur, weil Pau mir seine Wanderstöcke geliehen hat. Meine Knieschmerzen leiden unter dem Jo-Jo-Effekt, ich kann es langsam nicht mehr ertragen. Ich bin eben in die Jesus-Meditation gestolpert. Ich war seit Jahren nicht mehr in der Kirche. Irgendwie hat mich das trotzdem alles sehr berührt, das Gemeinschaftliche, in dem mit bunten Flickenteppichen ausgelegtem Raum, in dem der Putz von der Decke fällt. Man kann aus allem etwas für sich selbst ziehen, denke ich. Das Kloster hier wird von einer niederländischen Familie geführt. „Wenn ihr Schmerz fühlt, oder Sorgen, dann beten wir für euch“, sagt ein Mann mit weißem Bart und Kreuzkette. Das alles hat etwas sehr sektenhaftes, ich fühle mich heute fehl am Platz, trotzdem muss ich weinen, als er fragt, ob jemand Schmerzen hat. Nach der Meditation fragt er mich nach meinem Namen. „Chrissi“, sage ich leise. Ich bin heute leiser als sonst. Ich möchte mit niemandem reden, ich bin so traurig. Er malt mir ein Kreuz auf die Stirn, ich stolpere über die knarrenden Holztreppen in mein Schnarcher-Zimmer. Ich bin so wütend auf den dicken Mann im unteren Bett. Wie kann man so laut schnarchen? Ich wünsche mich zurück in Paus Zelt, während ich mich gestern ins Kloster gewünscht habe. Ich will nach Hause.

„Take Nua“, sagt Pau leise. Seine Stimme ist rauchig, er hat seinen Schlafsack bis zur Nase hochgezogen. Es ist kalt. Es ist so kalt, dass wir beide nicht schlafen können. Mein Schlafsack ist für sonnige Temperaturen bis 15 Grad ausgelegt. Es friert fast. Wo kommt diese Kälte her? Ich höre den Wind durch die Bäume pfeifen. Nua krabbelt in meinen Schlafsack und wärmt meine Füße mit ihrem warmen Hundekörper. „Danke“, sage ich. „Don‘t worry“, sagt er. Das sagt er immer. Ich merke, wie unterschiedlich die spanische und die deutsche Mentalität sind. Deutsche seien immer so strikt, sagt er. Und meint gradlinig und streng mit allem, am meisten mit sich selbst. Ich habe keine Isomatte. Ich spüre jeden einzelnen Knochen auf der harten Erde. Ich werde wohl doch kein Zelt kaufen. Wegen der Kälte muss ich alle paar Stunden pinkeln. Ich lache mich selber aus. Du wolltest doch Grenzerfahrungen, here you Go. Ich erinnere mich an die Nacht in Pamplona, in der Katja im Hotel übernachtet und mich reingeschmuggelt hat. Obwohl das nicht einmal eine Woche her ist fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Pau atmet leise. Seine Piercings klimpern, Nuas warmer Atem ist wie Bodylotion auf meiner Haut. 

Ich wechsele meine Hose, Pilger kommen vorbei, es ist mir egal. Pau lacht, die anderen schauen peinlich berührt weg. Es ist heiß, wir überqueren heute die Grenze in die Rioja. Wir sind spät gestartet. Wir machen mehr Pause, als das wir laufen. Ich merke, dass das auch nicht mein Tempo ist, es fällt mir aber zu schwer, mich zu lösen. Ich will nicht schon wieder alleine sein. Mit dem Abschied von Pau verschwindet die Leichtigkeit des Weges, das weiß ich. Wir kommen an einem Brunnen vorbei, die berühmte Wein-Fontäne, ich fühle mich wie Little Jesus, als ich den Hahn aufdrehe und rote Flüssigkeit herausläuft. Ich halte meinen Mund darunter, Pau füllt seine Wasserflasche. Es ist 11 Uhr morgens, wir sind nicht die einzigen Pilger, die vor dem Mittagessen betrunken sind. Meine Knieschmerzen kommen wieder, ich wollte bis Los Arcos laufen, es sind noch 15 Kilometer, ich kann nicht mehr. Wir stoppen in Azqueta, essen Tapas und müssen weiterlaufen. Der Ort hat 54 Einwohner, die Herberge ist voll. „Don‘t worry“, sagt Pau wieder und schiebt mich an meinem Ruckack bergauf. Es bricht mir jetzt schon das Herz zu wissen, dass wir uns morgen trennen müssen. 

„Was will die Frau“, sage ich ängstlich. Es ist Nachmittag, Pau bleibt auch im Nirgendwo, Nua humpelt immernoch. Er campt hinter der Kirche, ich kann nicht noch eine Nacht im Zelt schlafen, mein Knie muss sich endlich erholen. In der Herberge wollen sie keine Hunde. Wir liegen auf der Kirchenmauer, die Sonne brennt. Eine Frau schreit auf Spanisch. Ich habe Angst verscheucht zu werden. „Wait“, sagt Pau und springt von der Mauer. Ich beiße mir auf die Lippe und fühle mich so, wie Obdachlose sich fühlen müssen, wenn sie zu viel sind, obwohl sie nichts tun, außer zu sein. Pau kommt grinsend auf mich zu, in den Händen hält er Tüten mit belegten Brötchen. Wir haben kein Essen mehr und der einzige Laden hier hat geschlossen. Ich grinse. „Don‘t worry“, sagt er wieder. Und ich wünschte, ich könnte mir das zu Herzen nehmen. Als ich zurück zum Kloster will, ist das Tor abgesperrt. Ich ziehe meine Flip Flops aus, werfe sie über das Gitter und klettere hinüber. Ich schüttele den Kopf, das ist alles so absurd. „Are you a pilgrim?“ Ein Spaziergänger starrt mich an. Würde ich sonst Wandersocken in Flip Flops tragen? Ich nicke. „Buen camino“, sagt er. Ich presse die Lippen aufeinander und wünsche mir das mindestens genauso sehr. 

Ich liege wieder im Gras. Es ist das morgen von gestern, ich bin heute 28 Kilometer gelaufen und in Viana angekommen. Ich vermisse Pau und Nua so sehr. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass jeder seinen eigenen Camino läuft. Ich habe heute stundenlang mit niemandem geredet, ich kühle mein Knie alle 10 Kilometer und nehme eine Ibu, wenn es gar nicht mehr geht. Ich treffe Jake aus Canada, wir reden über Liebe, weil er nach meinem Tattoo fragt. Die letzten zehn Kilometer fühlen sich leichter an. Er hat auch Knieschmerzen. „Thats Part of the experience“, sagt er. Ich hätte lieber „Don’t worry“ gehört. 

 

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